Freiheitsbewegungen werden durch Wut mobilisiert

Die letzten Tage habe ich mir ein paar Videos mit Mathieu Carrière angeschaut, weil mich sein Sorgerechtsstreit und die heutige Situation mit seiner Tochter und seiner Ex-Partnerin interessierte.

Als erstes ist mir aufgefallen, dass er aus seiner Wut und seinem Hass auf die Gesetzeslage, Rechtsprechung und Richter (wohlgemerkt, nicht auf seine Ex-Frau), keinen Hehl machte. Er benutzte Schimpfwörter, zeigte den Stinkefinger und erlaubte es sich, in Unterhaltungs-Shows grimmig zu schauen.

Er ist Schauspieler und wie ich meine ein sehr reflektierter und bewußt handelnder Mensch. Seine Sprache und Gesten, selbst wenn er sie affektiv zulässt, sind kalkuliert. Kalkuliert nicht in dem Sinne, dass er narzisstisch Aufmerksamkeit erheischen will, sondern, dass er sein Ziel erreichen will, dass Menschenrechte für Väter und Kinder gelten. Er spielt bewußt die Rolle des Provokateurs, um gesellschaftliche Veränderung zu erreichen.

Wer in der deutschen Medienlandschaft traut sich schon, öffentlich wütend zu sein? Mir fallen nur die enfant terrible des Deutsch-Rap ein (Bushido, Sido, Kollegah, Farid Bang & Co). Ansonsten werden selbst die schlimmsten Themen aalglatt serviert.

Wenn jemand wie Mathieu Carrière den Deutschen den Spiegel vorhält in einem Bereich, in dem eklatantes Unrecht herrscht, dann ist Wut nötig, um über den persönlichen emotionalen Zustand die Ernsthaftigkeit der Lage zu spiegeln.

Ein Meister im Umgang mit der Wut war Martin Luther King. Wer sich Videos von einer seiner Reden anschaut und auf seine Mimik achtet, der sieht: Hier spricht ein wütender, verzweifelter, um sein Leben bangender Mensch, der seinen Gefühlen freien Ausdruck verleiht. Er spricht jedoch mit klarer, fester und kraftvoller Stimme, was ihm trotz der Bedrohung Würde verleiht.

Dadurch wirkt Martin Luther King authentisch, mehr als Carrière. Ich gehe davon aus, dass auch King reflektiert und bewußt so gehandelt und gesprochen hat. Er war kein Opfer seiner eigenen Gefühle. Stattdessen hat er bewußt sein Inneres nach außen gekehrt, um sowohl verletzlich wie auch entschieden zu wirken.

Carrière fiel es an manchen Stellen schwer, zu seiner Verletzlichkeit zu stehen, weshalb er in die Defensive ging und sich mit Kraftausdrücken daraus heraus zu retten versuchte. Martin Luther King konnte die Massen mitreissen, weil er ihre Angst und Wut spiegelte und so aktivierte, damit er die Schwarzen mobilisieren konnte, ohne in die Defensive zu geraten.

Wird man diskriminiert, dann ist es schwer, zur eigenen Stärke zurück zu finden. Interessanterweise schafft man dies, indem man sich ganz seiner Wut hingibt. Die Wut zeigt einem das Unrecht und die eigene Kraft in aller Klarheit auf – aber auch, dass wir alle kränkbar sind. Deshalb ist die Aktivierung von Wut für eine Freiheitsbewegung wichtig: Sie gibt einem nicht nur die Kraft zu kämpfen, sie führt einen auch in die eigenen Kränkungen, dann zur eigenen Verletzlichkeit und dann zur Einsicht, dass wir alle verletzlich sind.

Als Priester lernte Martin Luther King, alle Menschen zu lieben, auch wenn sie seine Feinde sind, denn wir sind alle nur Menschen, die je nach Position kränken oder gekränkt werden. Vor diesem Hintergrund reifte er zu einem charismatischen Anführer heran.

Carrière konnte das gegenüber seiner Ex-Partnerin, aber ihm fiel das augenscheinlich schwer in Bezug auf das System (= der Hass auf den Richter). Deshalb war das Vertrauen in ihn als Anführer niedriger. Er hat schlussendlich mit dem Sorgerecht für ledige Väter sein Ziel erreicht, konnte aber für die Gleichberechtigung der Väter keine darüber hinaus gehende Wirkung erzielen. Nichtsdestotrotz war er der bisher wirkungsvollste Anführer für eine gleichberechtigte Elternschaft in Deutschland.

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