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Interview mit dem Therapeuten im Fall des Kindes aus Helmbrechts über seinen Befund und das Jugendamt

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Der promovierte Kinderpsychotherapeut, der mit dem Kind aus Helmbrechts sprach und die gegen das Kind gerichtete Gewalt der Mutter in seinem Befund beschrieb, beantwortete Freifam schriftlich Fragen zu dem Fall. Er möchte anonym bleiben.

Wieso sind sie sich so sicher, dass das Kind von der Mutter geschlagen wurde, es gibt hierzu nach unserer Kenntnis keine Beweise wie z.B. blaue Flecken?

Ich habe das Mädchen nicht körperlich untersucht. Sie stand sehr unter Leidensdruck und wollte gehört und verstanden werden. Ich beurteilte ihre Glaubwürdigkeit hinsichtlich ihrer schriftlichen Aufzeichnungen. Dabei ließ ich sie Interaktionen zwischen ihr und den Eltern malen. Die graphisch dargestellten Emotionen und Interaktionen waren sehr differenziert und passten punktgenau zu den schriftlichen Eintragungen. Diese spontanen Zeichnungen konnten weder vom Vater, noch von der Mutter beeinflußt werden. Spätere Informationen vom Vater in einem ganz anderen Zusammenhang bestätigten mir auf einer weiteren Ebene die familiären Aggressionen in der mütterlichen Familie.

Halten Sie es für möglich, dass der Vater das Kind manipuliert und ihm die Gewalt der Mutter einredete?

Das halte ich nicht für möglich. Der Vater erzieht. Er überzeugt und wirkt durch seine, im Vergleich zur Mutter angst- und gewaltfreie Erziehungsmethode.

Wie erklären Sie sich, dass die Mutter dem Vater vorwirft, er würde das Kind manipulieren und die Gewalt der Mutter einreden?

Die Antwort darauf ist hypothetisch, da ich die Mutter nicht persönlich kenne. Mit großer Wahrscheinlichkeit projiziert die Mutter eigenes Verhalten in den Vater des Kindes. Dafür gibt es konkrete und beweisbare Hinweise; letztlich ist es jedoch eine Arbeitshypothese, die es zu beweisen gälte, wenn mir jemand einen entsprechenden Auftrag gäbe. Die mir bekannten Hinweise sind jedoch nichts für die Öffentlichkeit.

Könnten Sie bitte die Stelle mit dem Silberwolf und dem Opa mütterlicherseits in Ihrem Befund genauer erklären, wie ist diese zu verstehen?

Märchen und Sagen waren in früherer Zeit Orientierungen für Erwachsene, die sich mit schwierigen familiären und gesellschaftlichen Gegebenheiten auseinander setzten mussten (Armut, böse
Stiefmutter, Neid, der böse Wolf…). Heute liest man sie Kindern vor. In dem offensichtlich lokalen Märchen ist der Silberwolf böse und wird vom Bürgermeister und Bürgern gemeinschaftlich gejagt und gefangen gehalten. Später kann er sich befreien und rächt sich am Kind des Bürgermeisters.

In den Albträumen des Mädchens aus Helmbrechts wird sie von diesem Wolf verfolgt, den sie fürchtet. Im Grunde ist der Wolf ein scheues und sehr soziales Wesen. Innerhalb des Rudels gibt es wenig Aggression. In Opas Wolfsgeschichte imponiert aber der Wolf böse und wird deswegen gejagt; er fungiert nicht als positives Hilfsobjekt bei der psychischen Entwicklung des Kindes. Er ist gefährlich – für wen? Für die Mutter, die das Kind an anderer Stelle als schlagendes Schaf zeichnete. Diese Entwicklung (als Wölfin hat das Kind keine Angst mehr vor der Mutter, wohl aber das Schaf vor der Wölfin) muß verhindert werden. Jedoch wird das wölfisch Böse über Generationen weitergegeben, vom Bürgermeister auf sein Kind, von diesem wieder auf den Wolf, usw.

Hypothetisch von meiner Seite ist, dass es sich bei diesem Märchen um familiäre Verhaltensauffälligkeiten handeln könnte. Hinweise darauf gab mir der Vater. Aber dies ist, wie
schon geschrieben, nichts für die Öffentlichkeit.

Halten Sie auch den Opa mütterlicherseits für eine Gefahr für das Kind?

Ich vermute dies und leite es aus den Zeichnungen des Kindes sowie den schon erwähnten vertraulichen Hinweisen ab.

Wie bewerten Sie die Stellungnahme des Jugendamts und dessen Vorgehen, insbesondere die Fremdunterbringung?

Ich halte das Jugendamt für überfordert in diesem komplexen Fall die emotionale Übersicht zu behalten. Die Mitarbeiter sind vermutlich nicht ausgebildet oder erfahren in Objektbeziehungstheorie und Systemstörungen. Es handelt sich aus meiner Sicht um eine durch das Umfeld der Mutter verursachte Gewaltkommunikation mit wechselnden Loyalitäten. Die Gewalt ist dabei neurotisch versteckt und von Scham besetzt. Es besteht im Umfeld der Mutter Angst vor Aufdeckung.

Hat man Sie zur Verhandlung am kommenden Freitag, den 5.2.2021 ans Amtsgericht Hof geladen?

Nein.

Was würden Sie der zuständigen Richterin in der Verhandlung sagen, wenn Sie geladen wären?

Zunächst würde ich von den erwähnten vertraulichen Hinweisen berichten. Weiter wäre ein juristisch gestärkter Vater mit ständigem Aufenthalt des Kindes bei ihm mit weiteren freiwilligen Kontakten zur Mutter sinnvoll für das Kindeswohl.

Welche Ausbildung, Approbationen und Berufserfahrung haben Sie?

Nach der Ärztlichen Prüfung und Dissertation erwarb ich die Gebietsbezeichnung „Arzt für Öffentliches Gesundheitswesen“. Ausbildungsinhalte waren Innere Medizin, Forensische Psychiatrie und Neurologie. Ich  erwarb noch die Zusatzbezeichnung Psychotherapie, die Gebietsbezeichnung „Arzt für Psychotherapeutische Medizin“ und die Ermächtigung für tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen als Einzel und Gruppenbehandlung. Ich arbeitete unter anderem im Gesundheitsamt. Dort waren meine Schwerpunkte amtsärztlicher Dienst und Sozialpsychiatrie. Anschließend arbeitet ich fünf Jahre in zwei Psychosomatischen Kliniken. Für zwei Jahre leitete ich ein medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) und führe nach wie vor eine Privatpraxis. Ich bin auch in der Aus- und Weiterbildung von Psychotherapeuten tätig.

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