Die Besessenheit der Amtsgerichte Leipzig und Ulm gegen das Wechselmodell

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Ich habe mit Sandro ein Interview zur aktuellen Situation in Woche 5 seines Lebens im Wechselmodell gemacht. Wir haben uns in diesem vor allem den Beschluss aus seiner Sicht angesehen und sind auf ein paar Punkte in der Begründung eingegangen, die in unseren Augen schon so offensichtlich gegen das Grundgesetz verstoßen, gegen die Würde und Gleichheit der Menschen, gegen die Freiheit und gegen die Erziehungspflicht der Eltern verstoßen, dass es in meinen Augen unfassbar ist, so etwas in einem Beschluss vom Amtsgericht Ulm zu lesen.

Derzeit arbeiten wir gerade an der anonymisierten Veröffentlichung des Beschlusses hier auf freifam.de und ich habe bis eben einen Teil dessen beendet, indem ich den Beschluss eigenhändig abgetippt habe.

Ich muss sagen, gerade kommen mir die Tränen. Ganz ehrlich. Eigentlich nicht sofort. Ich merkte schon, dass es mir nahe geht, diesem Beschluss so nahe zu kommen. Vieles erinnert mich an „meine“ Beschlüsse, nämlich an die Zeit, in der ich mich ungefähr am selben Punkt der „Uneinigkeit zwischen den Eltern“ mit meiner Ex-Partnerin und Mutter meiner Kinder befunden habe. Ein Punkt, an dem meinen Kindern und mir aus „Hochstrittigkeit“ und entsprechend dem „Kindeswohl“ das grundgesetzlich verankerte Recht auf eine freiheitliche Gestaltung unseres Lebens und einen freien Zugang zueinander verwehrt wurde.

An diesem Punkt bin ich einen anderen Weg gegangen, als Sandro ihn derzeit geht.

Ich musste zur Kenntnis nehmen, dass ich als Umgangselternteil kein normaler Elternteil mehr bin, der seine Kinder in Selbstverständlichkeit aufwachsen sieht, sie in Freiheit begleiten kann, mit ihnen ganz normalen Familienalltag erleben kann. Als Vater musste ich mit ansehen, dass seine Kinder vermutlich einen nachhaltigen seelischen Schaden erleiden werden durch die Tatsache, dass ihnen der freie Zugang zu ihrem Vater verwehrt wird und wurde.

Inzwischen ist ihnen der verwehrte Zugang nicht mehr bewusst, geschweige denn, dass sie sich daran erinnern, mit welcher Kraft und Verzweiflung sie dafür einst gekämpft haben. Wie sie mich unter Tränen angefleht haben, sie „nicht schon jetzt zur Mama zu bringen“, dass sie „bitte noch bei mir schlafen dürfen“ und „öfter bei mir sein wollen“ und ich sie gezwungen habe, mit mir zusammen meine Wohnung zu verlassen um zur Mutter gebracht zu werden. Ich musste sie sogar teilweise aus einem Versteck der Wohnung holen, um sie zur Mutter zu bringen und sehe mich gerade:

  • Wie ich auf die selbstbestimmten, selbst-initialisierten und gefestigten Äußerungen meiner Kinder eingegangen bin und versucht habe, diese Punkte mit der Mutter meiner Kinder zu besprechen. Was zu unvorstellbaren Eskalationen führte und für verbale sowie körperliche Attacken sorgte – sogar in Anwesenheit der Kinder.
  • Wie aus dieser Situation „Hochstrittigkeit“ abgeleitet werden konnte, die dafür sorgt, dass unsere Kinder nicht den freien Zugang zu den beiden wichtigsten Menschen in ihrem Leben haben durften.

All das hat mich berührt und kam mir sehr nah.

Gerade kommen mir die Tränen, wenn ich den Vater Sandro sehe. Den Menschen, der einen schwierigen Weg auf sich nimmt und einen schmalen Grat wählt, um eine wirkliche Veränderung zu bewirken:

  • In seiner eigenen persönlichen Geschichte, mit den eigenen Kindern, die ihn ebenso anflehten – und auch ihre Mutter -, endlich in Freiheit mit ihren beiden Eltern leben zu dürfen;
  • als auch in der öffentlichen Bewegung, diese ungeheuren Missstände im deutschen Familienrecht aufzudecken. Mit Vehemenz, Nachdruck und Selbstlosigkeit eine Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit dafür zu schaffen. Für ein Thema, für das sich niemand freiwillig interessiert; solange es ihn nicht betrifft.
    Und: Wenn es einen betrifft, ist es im Prinzip schon zu spät.

Mir kommen die Tränen, wenn ich daran denke, wie ich im Gericht gesessen habe, und wie selbstverständlich davon ausgegangen bin, dass mir geholfen wird; dass meinen Kindern geholfen wird; dass dafür gesorgt wird, dass wir ein besseres, freieres und lebenswerteres Leben leben können. Leider musste ich feststellen, dass es darum gar nicht geht. Ich musste erkennen, dass es darum geht, die Mutter zu schützen und ihren Ängsten zu folgen. Mir wurde lediglich eine Rolle zugewiesen, die beinhaltet, mich laut Gesetz persönlich und fortwährend vom körperlichen und geistigen Entwicklungsstand unserer Kinder überzeugen zu dürfen.

Zu dem Zeitpunkt hat ein Teil in mir aufgegeben. Ich habe noch nie in meinem Leben eine solche Ohnmacht gespürt, wie in dieser Zeit. Ich war noch nie in meinem Leben einer solchen emotionalen Dummheit begegnet wie in diesen Tagen.

Eine Weile habe ich auf der gerichtlichen Ebene noch weitergekämpft, um größeren Schaden von meinen Kindern abzuwenden. Irgendwann habe ich auch dort aufgehört zu kämpfen, weil sich – nachvollziehbar – der Hauptgrund für meine Bemühungen verabschiedete: Meine Kinder. Sie haben aufgegeben, die Dissonanzen weiter aushalten zu können. Sie haben den Teil in sich verabschiedet, der dafür gekämpft hat, mir in Freiheit begegnen zu können.

An diesem Punkt habe auch ich aufgehört zu kämpfen.

Ich habe angenommen, was mir angeboten wurde. Habe „ja“ gesagt zu den zu erwartenden Beschlüssen des Richters am Amtsgericht. Habe akzeptiert, dass ich dagegen wahrscheinlich nichts ausrichten kann. Nicht in meinem Leben.

An dieser Stelle möchte ich einige Zitate aus dem mir vorliegenden Beschluss auf Sandros Eilantrag zum paritätischen Wechselmodell anbringen. Ich betone noch einmal, der Beschluss ist überschrieben mit Eilantrag zum paritätischen Wechselmodell, nicht mit Eilantrag auf Umgangsausschluss, wie von der Mutter der Kinder beantragt.

Sandro möchte ein Leben leben, in dem alle Kinder einen ungehinderten und freiheitlichen, gleichwertigen und gleichwürdigen Zugang zu den beiden wichtigsten Personen in ihrem Leben haben, zu ihren Eltern.
Sandros Ex-Frau möchte nicht nur das verhindern, sondern will erreichen, dass – salopp gesagt – die eine der beiden wichtigsten Personen im Leben ihrer Kinder ausradiert wird: Sie stellt einen Eilantrag auf Umgangsausschluss, hilfsweise die Anordnung eines begleiteten Umgangs (was eine Reduzierung des bisherigen Kontaktes, der in Relation zu ihrer Zeit i.H.v. 73% nur 27% bedeutete, hin zu 0,8%; also 13 Termine * 1,5h in 14 Wochen).

Ausführungen der Ex-Frau:

„…Nach einer gewissen Beruhigungsphase könne dem Antragsteller dann ein begleiteter Umgang gewährt werden, um ihm Gelegenheit zu geben, seine zuletzt gezeigten Verhaltensweisen zu überdenken…“

Bitte beachte, dass sie allen Ernstes fordert, dem Antragsteller, also geliebten Vater ihrer Kinder, eine Umerziehungsmaßnahme in Form eines begleiteten und stark reduzierten Umganges mit den von ihm ebenso geliebten Kindern zuteil werden zu lassen. „Um ihm Gelegenheit zu geben, seine zuletzt gezeigten Verhaltensweisen zu überdenken“. Das ist wie aus einer vergangenen Zeit, in der man so mit den eigenen Kindern geredet hat, weil man es besser nicht wußte. Aus einer Zeit, in der diese nicht als vollwertige und gleichwürdige Menschen galten und ihre Bedürfnisse von den Eltern aufgrund der nicht stattgefundenen Aufarbeitung ihrer eigenen Geschichte und Erfahrungen nicht gesehen werden konnten. Gegen den – auch der Mutter gegenüber – klar und energisch geäußerten Willen der Kinder, mehr Zeit mit dem Vater zu verbringen.

Auszug aus der Stellungnahme des Jugendamtes:

„…erklärt, dass ein Umgangsausschluss stattfinden müsse mit dem Angebot eines betreuten Umgangs.“

Das Jugendamt Ehingen steht also mit seinem Vorschlag direkt hinter der Mutter und vertritt nicht nur eine Reduzierung der bisherigen Kontaktzeiten von 27% im Verhältnis zur Mutter auf 0,8%, sondern wollen einen Kontaktausschluss sehen, sozusagen mit der Option Erpressung – und das als Jugendamt, das eigentlich die Aufgabe hat, Kinder zu schützen! Das Jugendamt Ehingen agiert gegen den klar geäußerten und protokollierten Willen der Kinder!

Mir ist aufgefallen, dass der Beschluss offensichtlich teilweise auf einem „Gefühl der Mutter“ beruht:
Teil der Begründung:

„…Die Kindsmutter fühlt sich von ihrem Ex-Mann bedroht…“

Das wird auch nicht weiter an Tatsachen festgemacht, sondern es bleibt bei dem Gefühl. Konträr zum mehrfach und klar geäußerten Willen der Kinder!

Weitere Teile der Begründung der Anordnung auf den Antrag des Vaters zu einem paritätischen und gleichwertigen Zugang der Kinder zu beiden Elternteilen:

„Dem Antragsteller kann derzeit kein unbeaufsichtigter Umgang gewährt werden…“
„Die vom Vater beschriebene gute Kooperation ist nicht feststellbar, d.h. selbst bei Übergaben ist es in der Vergangenheit zu Diskussionen gekommen.“

Wohlgemerkt: Es ist zu Diskussionen gekommen! Auch wird nicht weiter begründet, wie das konkret den Kindern geschadet haben soll. Es geht nicht darum, dass jemand den anderen geschlagen hat, ihn bedroht oder seine Gesundheit, sein Leben oder seine Unversehrtheit in irgendeiner Art beeinträchtigt hat. „Es gab Diskussionen“. Schon allein dieser Auszug ist in meinen Augen absurd!

Weiterer Auszug aus der Begründung zum angeordneten begleiteten Umgang:

„…eine Beeinflussung der Kinder gegen den betreuenden Elternteil vermieden werden…“

Das hatten Sandro und ich schon im Video besprochen, aber ich muss es hier noch einmal schreiben. Es ist so offensichtlich, aber es wird unter dem Ausschluss der Öffentlichkeit und dem Deckmantel der Vereinzelung einfach so hingenommen: Der Elternteil, der die Ansicht hat, die gemeinsamen Kindern sollten einen uneingeschränkten und freiheitlichen Zugang zu beiden Elternteilen zugesprochen bekommen, soll davon abgehalten werden, dies auch vor den Kindern so zu vertreten, und zwar, um den „betreuenden Elternteil“ zu schützen. Ist das schon eine verwirrte Rechtsprechung?

All das geht mir sehr nach. Mir wird bewußt, dass das, was ich gerade gemacht habe, wahrscheinlich kaum jemand in meiner Situation gemacht hat. Meine eigenen Beschlüsse habe ich ja nicht mal so detailliert gelesen, weil sie mir so nahe gingen; ich mich so ohnmächtig fühlte, als ich feststellen musste, dass mir überhaupt nicht geholfen wird und meinen Kindern sogar nachhaltig geschadet wird. Meine Kinder wurden sogar dazu gebracht wurden, sich am Entzug des Vaters direkt zu beteiligen, indem sie befragt wurden, nachdem sie schon resigniert hatten!

In diesem Zuge kommt mir das Thema der Solidarisierung und der Kooperation umso deutlicher vor Augen. Im Nachgang zur digitalen Erfassung von Sandros Beschluss wird mir umso klarer, dass wir alle irgendwie allein und alleingelassen sind. Vereinzelt. Jeder fühlt sich ohnmächtig mit seinem eigenen, beschissenen, menschenrechtswidrigen, persönlichen Beschluss.

Wenn ich meiner heutigen Partnerin Juliane ein paar Punkte daraus erzähle (sie kennt meine Beschlüsse ebenso), schaut sie nur total irritiert und ratlos. Sie ist Mutter dreier Kinder und Stiefmutter, und selber das Kind von getrennten Eltern. Sie ist eine Mutter, die heutzutage selbstverständlich ihre zwei Kinder mit dem Ex-Partner in einem paritätischen Wechselmodell betreut, und zwar gegen alle Widerstände!

Daher braucht es unbedingt diese Öffentlichkeit und daraus resultierend eine noch viel stärkere Solidarisierung. Meine Überzeugung wird dahingehend stärker, dass wir auf die Anwesenheit und die mühselige Beteiligung aller Spalter und Hetzer verzichten sollten. Auf alle, die meinen, ein Vater, der so agiert wie Sandro, handelt nicht aus Liebe, sondern aus Narzissmus, Selbstinszenierung, Blindheit, Märtyrertum, Eigennutz, Geldgier (WTF?), unter Vorführen seiner Kinder, Manipulation und dem Missbrauch seiner Kinder…

Wir brauchen euch nicht! Ihr habt es verpasst, euch reflektiv mit euren eigenen toxischen Beziehungen und seelischen Verletzungen zu beschäftigen. Ihr habt es verpasst, eine Würde und Größe zu erreichen, die mit Spaltung und Trennung niemals zu erreichen ist. Ihr fühlt euch davon schmerzlich berührt, dass jemand das volle Potential seines Menschseins ausschöpft und seine Energie einer Sache zur Verfügung stellt, die größer ist, als er selbst.

Wir brauchen euch nicht.

Was wir brauchen, sind tatkräftige, hilfreiche, unterstützende Menschen. Die an ähnlicher Stelle sind oder waren, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und daraus kreativ geworden sind, neues Potential in sich entdeckt haben:

  • Menschen, die nicht normal sind, denn in einer pathologischen Umgebung ist Normalsein sehr gefährlich.
  • Menschen, die ver-rückt sind, ver-rückt geworden sind und diese Chance genutzt haben, um neue Perspektiven und neue Haltungen einzunehmen.
  • Menschen, die selbstlos andere Menschen unterstützen möchten, die sich dafür einsetzen, dass unsere Werte im Sinne der Gleichheit, Freiheit, Demokratie und Würde nicht vor unseren Augen demontiert werden.
  • Menschen, die einen Unterschied im Leben ihrer Kinder machen wollen und aller Kinder, die noch kommen werden.
  • Menschen, die nicht damit einverstanden sind, eine Rolle ausfüllen zu müssen, die sie nicht leben wollen.

Solche Menschen und Eltern brauchen wir!

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1 Kommentar

  1. Susanne 17 Oktober, 2018 at 21:06 Antworten

    Rhetorische Frage: Entspricht es nicht einer gängigen Arbeitsweise der Jugendämter mit nur einem oder sogar ohne einen Elternteil Einzelfallhilfen (also nicht die Arbeit in Kindertagesstätten) zu erteilen? Selbst beim NDR-Beitrag zum Unterhaltsvorschuss klang an, dass die Einkommens-Auskunft nicht regulär bei beiden Elternteilen erhoben wird.

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